Franz-Adolf Kleinrahm

Ehe-Abend

Miteinander sprechen in der Ehe

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Ein durchschnittliches Ehepaar redet täglich neun Minuten miteinander. Bei so geringer Kommunikation besteht ernsthaft die Gefahr der Zerrüttung der Ehe. In Deutschland kommen mehr Paare vom Scheidungsrichter als vom katholischen Traualtar. Zur Prophylaxe und Heilung ist es dringend erforderlich, daß Ehepartner regelmäßig, mit ausreichend Zeit und einander wirksam zugewandt miteinander reden. Für zahlreiche Ehepaare wurde der Ehe-Abend zu einer heilsamen Erfahrung und inzwischen auch zu einer Institution in ihrem Eheleben. 

Liebe braucht einen Rahmen

21.00 Uhr. Die Kinder liegen im Bett. Das Wohnzimmer ist aufgeräumt, falls das der Zufriedenheit dient. Das Telefon leise gestellt. Kein TV. Leise Musik, die beide gerne hören. Ein Tag hinter uns, der nicht alle Kräfte verbrauchte. Ein guter Schluck vor uns. Wir wissen es beide: Ich liebe Dich heute mehr als gestern, aber weniger als morgen. Unsere Erwartungen sind: ich möchte Dich mit dem Herzen besser verstehen; ich möchte Dich annehmen, wie Du bist; ich möchte, daß Du wirst, wie Gott Dich gedacht hat.
Wir beginnen einander zu erzählen, was wir in den letzten Tagen bewegt haben in der Familie, im Beruf. Weil wir in den letzten Tagen wenig Zeit miteinander hatten, wollen wir uns mit gegenseitiger Information auf Stand bringen. Dabei sagen wir auch die eigene Meinung zu Sachverhalten bzw. Verhaltensweisen. Beispiel: Die Nachbarin war an einem Vormittag der Woche zu einem längeren Gespräch bei meiner Frau und hat ihre Familiennöte ausgesprochen. So blieb eine für uns dringende Arbeit liegen, was zu einer Unstimmigkeit bei uns im Paar führte. Jetzt im Abstand besprechen wir das in Ruhe und finden zu einem Konsens für die nächste derartige Situation. 

Von Herz zu Herz

Wir tauschen uns aus, was uns bewegt, welche positiven und negativen Empfindungen in uns aufstiegen, z.B. bei der wiederholten Note Fünf eines Schulkindes. Wir bemühen uns miteinander, Gefühle wahrzunehmen, zuzulassen und einander mitzuteilen. Wir nehmen den anderen an als "Provokation": er/sie ruft etwas aus mir heraus. So finden wir zu größerer Nähe, arbeiten an einer harmonischen Beziehung. Manchmal rutschen wir bei dem Bemühen aus und fallen unvermittelt wieder in den Keller der Kritik. Manchmal ist es uns geschenkt, daß wir zu Offenheit und Ehrlichkeit finden, daß wir im Haus unserer Ehe-Kommunikation zur Ebene der Kommunikation von Herz zu Herz finden, zu einem herzlichen Verhältnis. Ich bin glücklich, daß ich Deine Bedürftigkeit wahrnehmen darf, daß ich auf Deine Bedürftigkeit eingehen kann. Dann erfahren wir unsere Beziehung als Heimat, wärmend, als Raum wohltuender Freiheit, in dem jeder in seiner Eigenart sein darf, geborgen beim anderen. Dieser Schutzraum des Glücks in einem stressigen Alltag vermittelt die tiefe Gewissheit, zum anderen zu gehören, einander zu (er)kennen, eins zu sein. Solche Abende stärken die eheliche Beziehung und sind dadurch der beste Schutz vor außerehelichen Abenteuern.

Jede Woche

Erstrebenswert ist es, solche Ehe-Abende wöchentlich zu pflegen. Doch eine Vielfalt von Abendterminen kann eine Konkurrenz sein, ebenso das Fernsehprogramm oder Erschöpfung von den Anstrengungen des Arbeitstages. Folglich legen wir in besonders arbeitsintensiven Zeiten den Ehe-Abend im Terminkalender fest. Sonst wäre das notwendige Maß an Zeit nicht gesichert. 
Wenn ältere Kinder in der Familie sind, kann deren abendliches Redebedürfnis ebenfalls in Konkurrenz stehen. Unseren Jugendlichen kündigen wir beim Abendessen an "heute haben wir Ehe-Abend" und sie wissen dann, daß wir nach 20.45 Uhr nicht mehr zu sprechen sind und die Dinge z.B. für den nächsten Schultag vorher mit uns klären müssen. 
Wer Spätschicht arbeitet, hat die Chance zu einem Ehe-Vormittag: wenn die Kinder im Kindergarten und in der Schule sind, miteinander ausführlich frühstücken, in Ruhe den Tag angehen.

Behutsamkeit trainieren

Das Gespräch am Eheabend läßt unsere Ehe wachsen, wir werden auch nach 25 Ehejahren vertrauter miteinander. Wir dürfen unseren Teil dazu beitragen, daß wir reifen. Dadurch werden wir genießbarer, auch für unsere Kinder. Das haben sie bereits erfahren. Manchmal ist solch ein Abend auch etwas wie eine Bergbesteigung: anstrengend, aber schließlich mit einer guten Aussicht. Es lohnt sich. Gerade wenn es mühsam miteinander wird, kann es helfen, sich vorzustellen, in Gottes Hand geschrieben zu sein, in Seiner Hand geborgen. Ich bin von Gott zärtlich gehalten. Ohne diese Erfahrung bin ich ungehalten, und es fällt mir schwerer, selber zärtlich zu sein.
Der Ehe-Abend ist ein Training der Behutsamkeit, des Hörens aufeinander, der Zartheit. Wir üben ein, absichtslos gut zu sein. Er kann auch zu größerer Freiheit führen, sich durch Berührung zu erfreuen und zu vergnügen. Dies kann der Anfang sexueller Begegnung sein, muß es aber nicht. Zum Ehe-Abend kann auch das Ehegebet gehören. Den gemeinsamen Schöpfer loben, Ihn anbeten, Ihn um den Geist der Unterscheidung bei anstehenden Entscheidungen bitten usw., Sein Wort lesen und aufnehmen. So liegt es nahe, sich unter dem Blick Gottes Rechenschaft abzulegen über die gemeinsame Lebensführung.

Briefe in Liebe

Bei manchen Themen hilft es den Partnern, sich schriftlich vorzubereiten, z.B. in der beruflichen Mittagspause der Partnerin einen Brief schreiben: in 15 bis 20 Minuten kann ich gut meine Fragen, Haltungen, Gefühle zu einem Thema fassen und schreiben. Dies soll ehrlich und mit Zärtlichkeit geschehen, in Briefform mit Anrede, Unterschrift, Datum, wie ein Liebesbrief. Die Partnerin schreibt zum gleichen am letzten Eheabend vereinbarten Thema ihren Brief, z.B. als Hausfrau nach dem Verabschieden der Kinder und dem Wegräumen des Frühstücksgeschirrs bei einer letzten Tasse Kaffee. Am Eheabend werden dann die Briefe ausgetauscht, gelesen (mit Verstand und Herz, also zweimal) und das Gespräch beginnt. Wir bemühen uns mit allen Kräften, besser und vollständiger zu erfahren, was der andere empfindet und mitteilen will. So wachsen unsere Herzen aufeinander zu, dienen wir einander und der Einheit unserer Ehe.

Tag für Tag

Ein Ehe-Abend braucht das tägliche Gespräch als Grundlage. Sonst besteht die Gefahr, daß zuviel an Informationsvermittlung, an Konfliktstoff und Erwartungshaltung in den dann zu kurzen Abend hineingepackt wird. Ein möglichst tägliches Gespräch z.B. direkt nach Feierabend bei einer Tasse Tee kann da helfen. Der Ehe-Abend hilft umgekehrt, daß das tägliche Gespräch runder läuft, daß im Alltag Einheit erfahrbar wird.

Ehepaargruppe

Der Austausch mit anderen Ehepaaren kann das Gespräch am Ehe-Abend befruchten und manchmal weiterführen. Die Paare bereiten sich im Ehegespräch auf den Austausch in einer Ehepaargruppe vor und umgekehrt, wie eine Wachstumsspirale.

Der Autor Franz-Adolf Kleinrahm ist Diakon und leitet mit seiner Frau Angelika die katholische Gemeinschaft "Familien mit Christus" und das von dieser getragene Geistliche Familienzentrum in Heiligenbrunn, Diözese Regensburg.

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Familien mit Christus, Heiligenbrunn, D-84098 Hohenthann, Tel. 08784-278, Fax 08784-771, info@familienmitchristus.de